3.SONNTAG NACH EPIPHANIAS

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2.Könige 5,9-14

Montag 22.1.2024 – 3.SONNTAG NACH EPIPHANIAS2.Könige 5,9-14Der autarke Mensch / Die evangelistischen EinladungenPrälatin Gabriele Wulz, Ulm

Das Glück als autarker Mensch vom Schicksal herausgefordert zu werden wahrnehmen und durch konkrete Einladungen offen werden, durch Christus gereinigt zum Heil und zur Heilung zu finden

Die Orientierung:

Also kam Naeman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder erstattet und rein werden. Da erzürnte Naeman und zog weg und sprach: Ich meinte, er sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen der HERRN, seines Gottes, anrufen und mit seiner Hand über die Stätte fahren und den Aussatz also abtun. Sind nicht die Wasser Amana und Pharphar zu Damaskus besser denn alle Wasser in Israel, dass ich mich darin wüsche und rein würde? Und wandte sich und zog weg mit Zorn. Da machten sich seine Knechte zu ihm, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dich der Prophet etwas Großes hätte geheißen, solltest du es nicht tun? Wie viel mehr, so er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und taufte sich im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geredet hatte; und sein Fleisch ward wieder erstattet wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er ward rein. 

In dieser Geschichte von Elisa und Naeman begegnen wir einem Geflecht von Macht und Ohnmacht, von Befehlen und Gehorchen, von Angewiesensein und neuer Erkenntnis. Die Krankheit wird dabei buchstäblich zum Tor der Veränderung. Sie ist der kleine Spalt, der in diese Geschichte der zementierten und erwartbaren Machtverhältnisse Bewegung bringt. Sie zeigt, wie verletzlich Menschen sind. Auch die größten und stärksten. Und sie erzählt, was geschieht, wenn man auf die hört, die sonst überhört werden. Die Stimme des Mädchens, der Kleinen, die Stimme des Propheten, die Stimme der Diener – hier werden diese Stimmen handlungsentscheidend, auch wenn sie normalerweise nicht gehört werden. Und beinahe wäre das ganze Unternehmen komplett gescheitert. Naeman – erzürnt über die Arroganz Elisas – will sich auf die Zumutung nicht einlassen. Er fühlt sich blamiert und bloßgestellt. Es ist also schon ein kleines Wunder, dass Naeman über seinen Schatten springt und tatsächlich in das Wasser des Jordans untertaucht. Jüdische Ausleger sagen, für Naaman sei es entscheidend gewesen, einmal einem anderen zu gehorchen. Also sich einem zu beugen, der größer ist als er. Nämlich dem Gott Israels, der zu ihm im Wort des Propheten spricht. Naaman steigt hinunter. Zunächst ganz äußerlich vom hohen Ross. Geht hinunter in den Jordan. Taucht sieben Mal unter. Geht ganz in die Tiefe. An die Grenze zum Tod. Um wiederaufzuerstehen zu einem neuen Leben. Wie ein Kind wird der große Mann. Seine Haut wird wie die eines Neugeborenen. Zart, verletzlich, heil. Sein Fleisch wie das Fleisch eines jungen Mannes. Und am Ende steht das Bekenntnis Naamans: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen außer in Israel.
 

Es gibt viele Perspektiven in dieser Geschichte von Naaman und Elisa.
Eine ist, dass Heil und Heilung zusammengehören. Aber auch, dass es sich für die „hohen Herren“ lohnt, auf die „kleine Leute“ zu hören. Dazu ist es eine Geschichte, in der Grenzen überschritten werden. Und schließlich ist es eine Verwandlungsgeschichte. Eine, die im Angesicht des Feindes auch den verletzten und verwundeten Menschen entdeckt. Versöhnung und Frieden brauchen keine großen Worte. Es reicht am Ende zu sagen „Zieh hin mit Frieden.“ Naaman muss keine Freundschaft mit Elisa schließen und auch keine religiösen Sonderwelten in Damaskus errichten. Es reicht, wenn er in sein altes Leben zurückkehrt. Worauf es ankommt? Dass er das Wissen und die Erinnerung an seine Entmachtung mitnimmt. So schwingt im Abschiedsgruß des Elisa auch der Wunsch mit: Geh mit dem Wissen, dass deine Welt nicht alles ist und dass deine Macht endlich ist und begrenzt.
 
Wer an eine Grenze kommt, hat mindestens zwei Möglichkeiten. Die eine ist: innerhalb der Grenzen zu bleiben. Man gewöhnt sich dann an das Unbehagen, an die Enge. Man arrangiert sich mit den Schmerzen. Oder – und das wäre die Alternative: Man geht das Wagnis ein, geht über die Grenzen hinweg, hört auf andere, „fremdelt“ gehörig und lässt sich überraschen, was dann kommt. Das ist nicht leicht. Das braucht unter Umständen lange Zeit. Vor allem aber auch Mut. Trotzdem birgt dieser Weg über die Grenzen hinweg die Chance, den Gott Israels zu entdecken. Den Gott des Auszugs aus dem Sklavenhaus. Den Gott der Befreiung. Den Gott, der die ganze Welt in Händen hält. Den Gott, dessen Stimme die Bibel durchzieht und die sagt: Ich werde da sein als der ich da sein werde. Hat diese Stimme etwas zu sagen? Ja. Aber nicht im Sinne der Dienstaufsicht oder der Befehlserteilung. Sondern als Einladung zur Freiheit. Als Ruf, „runterzukommen“. Als Wort, das uns versammelt. Alle. Aus Norden, Süden, Westen und Osten. Es ist an uns, ob wir auf diese Stimme hören. 
Prälatin Gabriele Wulz, Ulm aus ihrer Predigt zum 3.SONNTAG nach Epiphanias 2024