Der Christ als fruchtbarer Baum

Bild Holgus

Matthäus 7,12-20

Freitag 19.11.2021 – BUSS- UND BETTAG - Der Predigttext: Matthäus 7,12-20In Beziehung leben / Das Leben mit der goldenen Regel / Der Christ als BaumPfarrerin Karina Beck, Stuttgart

Paradiesische Früchte durch unser Leben wie ein guter Baum gedeihen und anbieten lernen, indem wir verwurzelt in der guten Erde Gottes dafür Kraft schöpfen und so glückselige Beziehungen lernen zu gestalten

Der Lebensstil:

Matthäus 7,12-20 Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie! Das ist es, was Gesetz und Propheten fordern. Geht durch das enge Tor! Denn das weite Tor und der breite Weg führen ins Verderben, und viele sind dorthin unterwegs. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der ins Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden! Hütet euch vor den falschen Propheten! Sie sehen aus wie sanfte Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.  An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Von Dornen erntet man keine Weintrauben, und von Disteln kann man keine Feigen lesen. So trägt jeder gute Baum gute Früchte und ein schlechter Baum schlechte. Ein guter Baum trägt keine schlechten Früchte und ein schlechter Baum keine guten. 19 Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb sage ich: An ihren Früchten werden sie erkannt.

Im Predigttext stecken viele berühmte Bilder und Sprichwörter: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, „der Wolf im Schafspelz“ oder auch „die Goldene Regel“: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Der Predigttext ist sogar noch umfassender, weil er positiv formuliert: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“ Stellen Sie sich vor, wir alle würden nach dieser Devise leben und alle Menschen so behandeln, wie wir behandelt werden möchten. Und wir würden von allen so behandelt werden, wie sie sich selbst wünschen würden, behandelt zu werden. 

Wer sich an die Goldene Regel hält, erfüllt das Gesetz und die Propheten, also den Willen Gottes. Wenn es mir gelingt, mich ganz und gar auf mein Gegenüber einzulassen, wenn ich es schaffe, den anderen mit Interesse und Empathie auf Augenhöhe wahrzunehmen (und nichts weniger als das erwarten wir ja auch von anderen), dann tue ich Gottes Willen. Dann nehme ich mein Gegenüber als geliebtes und gewolltes Geschöpf Gottes mit einer eigenen Würde wahr. So wie Adam und Eva einander erkannten und respektierten im Paradies: als einzigartige Menschen in ihrer Verschiedenheit. Sie nahmen sich wahr, erkannten, dass sie aus demselben Fleisch sind, also von der gleichen Art, mit den gleichen Gefühlen und Bedürfnissen. Meine Gedanken zur Goldenen Regel haben mich nun ins Paradies geführt. Aber ja, warum nicht: Das wäre doch das Paradies, wenn alle Menschen täglich nach der Goldenen Regel leben. Das Paradies freilich ist erst für das Ende der Zeit verheißen.

Für mich ist klar: Der Weg ins Paradies braucht Pausen, und ich brauche Unterstützung. Ich will ihn nicht allein gehen. Ich kann es auch nicht, und ich kann den Willen Gottes auch nicht immer tun. Das schaffe ich einfach nicht. Als Mensch bin ich manchmal ungerecht und müde oder sogar verzweifelt. Woher soll ich die Kraft nehmen – und das Wissen und die Geduld und das Selbstwertgefühl–, allen Menschen und der Schöpfung gegenüber immer respektvoll und verantwortungsvoll zu handeln?
 
An dieser Stelle entwirft der Predigttext ein weiteres starkes Bild: das vom Baum und den Früchten: Gute Früchte wachsen nur an gesunden und starken Bäumen, die genügend Licht und Wasser haben. Gute Früchte wachsen nicht aufgrund eigener Anstrengung, sondern aufgrund eines guten Standorts mit Licht und Wasser. An den Früchten kann man darum erkennen, wie gut ein Baum versorgt ist. Für mich heißt das: Wenn ich selbst gut verwurzelt bin und nicht um jeden Sonnenstrahl kämpfen muss, dann gelingt es mir besser, nach der Goldenen Regel zu leben und Gottes Willen zu erfüllen. 

Ich mag das Bild vom Baum. Es strahlt Ruhe und Entschleunigung aus: langsam wachsen, blühen, Früchte ansetzen, langsam reifen und dann andere mit dem Ergebnis erfreuen und satt machen. Das braucht Zeit und Geduld. Das geht nicht in Hektik und Stress. Gottes Gegenwart ist nicht im Sturm und in der Achterbahn. Sie ist im Windhauch, im sanft plätschernden Wasser, in der Pause. Da kann ich diejenige Kraft tanken, die ich brauche, um Früchte zu tragen. Um noch einmal in das Bild vom Weg zu wechseln: Ich möchte darauf achten, dass ich genügend Pausen mache auf dem schmalen Weg und mich stärken lasse von Gottes Wort und seiner Nähe. Pfarrerin Karina Beck aus ihrer Predigt zum Buss- und Bettag 2021